Achtsamkeit im Badezimmer

Achtsamkeit ist das Trendthema dieser Tage. Wir wollen herausfinden, wie sich das Konzept ins Badezimmer und auf das Dusch-WC übertragen lässt.

Der Kulturpädagoge und Psychologe Dr. Frank Berzbach im Gespräch

 

Anne Dörte: Herr Dr. Berzbach, das Wort „Achtsamkeit“ ist in aller Munde. Was versteht man ursprünglich darunter und warum ist das Konzept gerade heutzutage so wichtig?

Dr. Berzbach: In der buddhistischen Psychologie spielt die Achtsamkeit eine große Rolle. Man versteht darunter die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment zu sein, das Wahrgenommene nicht zu bewerten und zugleich den eigenen Körper und Geist im Blick zu behalten. Das ist sehr anspruchsvoll und bedarf langer Übung. Unser Geist bewertet ständig und unsere Gedanken flüchten oft in Zukunft oder Vergangenheit. Wir verlieren die eigenen Gefühle und Körperprozesse aus dem Blick. Schaut man das Konzept genau an, dann sieht man, dass es mit Wellness wenig zu tun hat. Für einen Trend ist es zu anspruchsvoll. Wer will schon permanent üben? Schaut man sich die acht Pfade Buddhas genauer an, wird verständlich, warum die Achtsamkeit zwischen der rechten Anstrengung und der rechten Sammlung (Konzentration) eingespannt ist.

 

 

Anne Dörte: Wie kann sich Achtsamkeit auf unsere Psyche, unseren Körper und unsere Umwelt auswirken – gibt es da für Sie eine Art höheres Ziel?

Dr. Berzbach: Wenn man das Konzept aus seinem religiösen Ursprung herauslöst, dann bleibt immer noch eine heilsame Wirkung übrig. Man wird, wenn man dauerhaft übt, ruhiger und weniger reizbar, kann sich besser konzentrieren und man erkennt Symptome des Körpers etwas früher und kann gegensteuern. Die Qualität des Wahrgenommenen wird höher. Achtsamkeit steigert die Kreativität. Im religiösen Kontext gilt dies natürlich auch; hinzu kommt aber, dass es im Buddhismus darum geht, das Mitgefühl zu entwickeln und heilsame Gefühle und Handlungen zu stärken. Als Fernziel wird ein Zustand angestrebt, in dem man „erwacht“, also nicht mehr an Vergänglichem anhaftet. Aber darüber wird in der Regel nicht gesprochen. Es geht ums permanente Üben und Gerede ist nicht so wichtig.

 

Weiß um die Kraft der Meditation: Kulturpädagoge und Psychologe Dr. Frank Berzbach.

Anne Dörte: Sie selbst praktizieren Zen. Schaffen Sie sich dadurch Inseln der Achtsamkeit oder versuchen Sie vielmehr, jeden Moment ganz bewusst zu leben?

Dr. Berzbach: Die tägliche Meditation am Morgen stärkt mich für die Herausforderungen des Tages. Ich selbst versuche natürlich bewusst zu leben, aber keinem gelingt das in jedem Augenblick. Es ist aber relativ einfach: In dem Augenblick, in dem der Stress überhandnimmt und man die Konzentration verliert, ist man fremdgesteuert. Man ergibt sich in Gewohnheiten und fühlt sich, in miesen Momenten, als Opfer der Umstände. Aber schon der Versuch, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, hilft meiner Meinung nach.

 

„Zeit im Bad zu haben ist Lebensqualität“ Dr. Berzbach.

 

Anne Dörte: Gibt es für Sie auch eine Grenze, was die Übertragung des Prinzips der Achtsamkeit auf unseren Alltag angeht? Ich denke da an den morgendlichen Stress vieler Menschen: Sie hetzen vom Bett ins Badezimmer, eilen vom Kleider- zum Kühlschrank und dann zur Haustür raus. Wie schafft man es hier, achtsam mit sich umzugehen?

Dr. Berzbach: Der meiste Stress ist selbsterzeugt; daher mag ich die ganzen Klagen der Leute nicht. Warum soll ich zur Arbeit hetzen? Ich stehe einfach früher auf, meditiere, frühstücke, fahre ins Büro oder gehe zum Schreibtisch. Ich bin einige Jahre um 5 Uhr aufgestanden, dann habe ich um 10 Uhr schon viel geschafft. Wer früher aufsteht und sich Zeit nimmt, schafft mehr, kann öfter Pausen machen, ist produktiver und zugleich nicht so erschöpft. Die gehetzten Leute, die ich kenne, sind oft selbst daran schuld. Trägheit ist weder ein Argument, noch eine Ausrede. Man darf nicht zu viel in den Tag packen. Es gibt Jobs, die zwingen einem schwierige Bedingungen auf. Aber auch die kann man nicht leicht ändern. Also hilft es nur, wenn man den Vorlauf etwas ruhiger und besser gestaltet. Verkaufen Sie Ihr TV, stehen Sie früher auf, nehmen sich mehr Zeit, essen Sie weniger Zucker, gehen Sie mehr zu Fuß. Manche Dinge sind sehr einfach, finde ich. Die Menschen erwarten oft Zauberei oder Heilmittel, oder sie suchen Schuldige für ihre Umstände. Aber wer morgens zur Arbeit hetzt, der steht zu spät auf. Es gibt nicht die Pflicht, mit dem Plastikbecher Kaffee herumzuhetzen. Ich bin eine Stunde vorher da, lese meine Zeitung in einem Café beim Espresso und bin dennoch meist vor den anderen im Büro.

Anne Dörte: In Ihrem Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen – Anregungen zur Achtsamkeit" erklären Sie, wie Teetrinken als "Urlaub für die Seele" funktionieren kann, indem man in kurzen Tee-Pausen neue Kraft schöpft, Abstand gewinnt und loslässt. Achtsamkeit heißt also auch Zeit für Auszeiten, Zeit zum bewussten Wohlfühlen. Was halten Sie von der Aussage, dass auch ein Dusch-WC Teil eines achtsamen Lebens sein kann?

 

„Tolle Bäder sind ein wahrer Genuss für die Seele.“

Frank Berzbach

Dr. Berzbach: Pausen tun gut und Tee wirkt anregend, ohne einen zu hektisch zu machen. Man kann sich eine Viertelstunde zurückziehen oder ihn Gästen anbieten. Ein Dusch-WC kann, wie alle schönen Einrichtungsgegenstände toller Bäder, natürlich die Lebensqualität steigern. Da ich viel auf Lesereisen bin, sehe ich viele Hotels, und die haben oft schöne Bäder. Sie sind für mich ein ungeheurer Genuss, weil sie viel komfortabler sind als meins zu Hause. Wenn es um Achtsamkeit geht, ist der Alltag das beste Übungsfeld. Im Bad pflegen wir uns selbst, wir haben meist Ruhe, kein Handy und sind endlich mal allein. Das ist ein traumhafter Zustand. Zeit im Bad zu haben ist Lebensqualität. Ich halte mich da gern auf. Wenn ich vor Lesungen nervös bin, dann gehe ich, bevor ich das Hotel verlasse, noch mal kurz ins Bad und schaue in den Spiegel. Ich finde Badewannen eine göttliche Erfindung und tolle Duschen auch. Wenn ich eine Lesung geschafft habe, gehe ich ins Hotel und dusche. Man muss das nicht immer alles zur Achtsamkeitsübung erklären, aber man kann sich bewusst Zeit nehmen und genießen. Die Arbeit ist für viele Menschen nicht das Problem, sondern die Entspannung. Und Zeit im Bad ist gute Entspannung.

Anne Dörte: Stichwort "stilles Örtchen": Unsere Forsa-Umfrage zu den Toilettengewohnheiten der Deutschen ergab, dass eine Vielzahl der Befragten auf dem WC mit dem Smartphone spielen, im Internet surfen oder Nachrichten schreiben. Ist das unter Achtsamkeits-Aspekten für Sie ok (denn sicher entspannt der Befragte so) oder was würden Sie stattdessen raten?

Dr. Berzbach: Smartphones sollte man nicht zu Sündenböcken machen, die Medien sind meist nicht schuld an destruktiven Lebensumständen – es sind Menschen, die damit Blödsinn machen und sie sind das Problem. Ich finde, man muss gar nicht mit dem Smartphone spielen, weder im Café noch im Badezimmer. Es ist doch entsetzlich, wenn man die Paare im Restaurant sieht und beide schauen aufs Handy. Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik, sondern eine Präsenzübung. Es geht darum, mehr wahrzunehmen, wach zu sein. Das Spielen auf Tabletts oder Smartphones, genau wie das Fernsehschauen, entspannt nicht, es zerstreut nur. Ich weiß nicht, warum man das Telefon mit auf Klo nehmen sollte. Es ist doch schön, dass Orte existieren, an denen es genug reale sinnliche Freuden gibt. Die Menschen sollten ihren Partner mit ins Bad nehmen, gemeinsam duschen oder baden und guten Sex haben. Ich glaube, das entspannt mehr.

Anne Dörte: Danke für das überaus interessante Interview, Herr Dr. Berzbach!

Über Dr. Frank Berzbach

Dr. Frank Berzbach, Jahrgang 1971, unterrichtet Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln und arbeitet als freier Autor und Journalist. Er hat als Wissenschaftler, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier, Buchhändler, Technischer Zeichner und in der Psychiatrie sein Geld verdient. Seit etwa zehn Jahren praktiziert er Zen und bleibt dennoch katholisch. Publikationsschwerpunkte: Kreativität, Arbeitspsychologie, Religion und Spiritualität, achtsamkeitsbasierte Psychologie, Literatur, Popmusik, Popkultur. Mehr über seine Person erfährst du hier: www.frankberzbach.com.  

 

Bildnachweis Titelbild: © Getty Images

Bildnachweis Frank Berzbach: © Jenny Bartsch

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