„The Pissoir“ am Holzplatz in München. © Michael Gmeiner & Lars von der Warth

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Ein Pissoir erzählt Geschichte

Das alte Klohäusl am Holzplatz kennen viele Münchner. Nun ist daraus ein Kunstprojekt entstanden. Ich habe mit den Machern gesprochen, wie es dazu kam.

Vom Schandfleck zum Glanzpunkt der Isarvorstadt

Lust auf ein wenig Klo-Art „to go“? Ich habe da etwas für dich ausfindig gemacht: Bei einem Spaziergang durch München kannst du ein spannendes Kunstprojekt entdecken – nämlich ein Toilettenhäuschen mit Geschichte. Was es damit auf sich hat, habe ich für dich recherchiert: Das denkmalgeschütze Pissior am Holzplatz in München stammt aus dem Jahr 1900. In den 1950er Jahren wurde es von seinem ursprünglichen Platz am Stacchus ins legendäre Glockenbachviertel verlegt. Dort erlebte es eine Menge Münchner Kultur- und Stadtgeschichte, bevor es gegen Ende 1990 geschlossen wurde und zunehmend in Vergessenheit geriet.  

Portrait-Zeichnung Michael Gmeiner. © Michael Gmeiner & Lars von der Warth

Michael Gmeiner und seinem Team verdankt das Pissoir im Münchner Glockenbachviertel seine Verwandlung.

Doch nun hat es sich in das neue Schmuckstück des Glockenbachviertels verwandelt. Der Münchner Gestalter Michael Gmeiner kennt die Hintergründe: Mit seinem Team von graphism hat er die grafische Gestaltung im Rahmen der Künstlerinitiative „The Pissoir“ übernommen und Anfang 2020 realisiert. Im Interview erzählt er mir die Hintergründe dieses besonderen Projekts.

Anne Dörte: Das Pissoir am Holzplatz ist nicht irgendein Pissoir – kannst du uns verraten, wieso?

Michael Gmeiner: Das Pissoir stammt aus dem Jahr 1900 und steht unter Denkmalschutz. Es befindet sich an prominenter Stelle mitten im jungen, angesagten Glockenbachviertel, das früher ein zwielichtiges Amüsierviertel war – und zugleich Zufluchtsort und Rückzugsnische für queere Menschen. 1933 gab es hier zwei der letzten Schwulenlokale Münchens, bevor diese im Rahmen einer Razzia der Nazis geräumt wurden. Alle Anwesenden wurden damals ohne Umwege als Häftlinge in das KZ Dachau gebracht. Das Pissoir ist also nicht nur ein stilles Örtchen, sondern auch ein stiller Zeitzeuge und somit wichtiges Mahnmal der emotional bewegenden Stadtgeschichte Münchens..

Anne Dörte: Das Pissoir am Holzplatz ist nicht irgendein Pissoir – kannst du uns verraten, wieso?

Michael Gmeiner: Das Pissoir stammt aus dem Jahr 1900 und steht unter Denkmalschutz. Es befindet sich an prominenter Stelle mitten im jungen, angesagten Glockenbachviertel, das früher ein zwielichtiges Amüsierviertel war – und zugleich Zufluchtsort und Rückzugsnische für queere Menschen. 1933 gab es hier zwei der letzten Schwulenlokale Münchens, bevor diese im Rahmen einer Razzia der Nazis geräumt wurden. Alle Anwesenden wurden damals ohne Umwege als Häftlinge in das KZ Dachau gebracht. Das Pissoir ist also nicht nur ein stilles Örtchen, sondern auch ein stiller Zeitzeuge und somit wichtiges Mahnmal der emotional bewegenden Stadtgeschichte Münchens.

Bilder von Albert Einstein, Rainer Werner Fassbinder und Freddy Mercury. © Michael Gmeiner & Lars von der Warth

Prominente Motive auf den Wänden des Klohäusls: Albert Einstein, Rainer Werner Fassbinder und Freddy Mercury.

Anne Dörte: Dieses Projekt ist sehr außergewöhnlich: Wie kam der Auftrag zur Umgestaltung des Klohäuschens zustande?

Michael Gmeiner: Wir arbeiten bei graphism seit Jahren regelmäßig mit der Stadt München und dem Kulturreferat zusammen, um künstlerische Projekte im öffentlichen Raum umzusetzen. So kam es, dass Vertreter des zuständigen Bezirksausschusses und der Autor und Künstler Martin Arz direkt an uns herantraten. Zusammen mit Thomas Zufall, dem Wirt von München 72 am Holzplatz, hatte er die Initiative „The Pissoir“ gegründet. Das Klohaus war seit langem nur ein Schandfleck, der zudem noch ungenutzt vor sich hin rottete. Die Initiative wollte aus dem vernachlässigten Klohaus ein Schmuckstück für das Viertel gestalten.

Anne Dörte: Hast du bereits vergleichbare Projekte umgesetzt?

Michael Gmeiner: Wenn du damit meinst, ob wir schon einmal ein Pissoir verschönert haben, lautet die Antwort: Nein. Aber wir sind beruflich schon seit Jahren im künstlerischen Dienstleistungssektor unterwegs und realisieren auftragsbezogene Projekte. Ganz bewusst setzen wir uns dabei gestalterisch keine Grenzen. Das Klohäusl war zwar ein feines, aber doch vergleichsweise kleines Projekt für uns.

 

Außensansicht des Klohäusl in München. © Michael Gmeiner & Lars von der Warth

Die Farben des Pissiors wurden sorgfältig durchdacht, dabei mussten auch Vorgaben des Denkmalschutzes eingehalten werden. .

Anne Dörte: Welche Motive habt ihr für die Gestaltung der Außenfassaden gewählt – und warum?

Michael Gmeiner: Uns war schnell klar, dass das Projekt einen starken Bezug zu seinem Standort haben sollte. Deswegen bildeten wir einerseits Persönlichkeiten ab, die in der Nähe des Klohäusls wohnten und die Geschichte der Isarvorstadt entscheidend mitprägten. Ich bin mir sicher, viele Passanten sind überrascht, wenn sie erfahren, dass Freddy Mercury, Albert Einstein und Rainer Werner Fassbinder zu diesen berühmten Gast-Isarvorstädtern gehörten. Das schreckliche Schicksal zahlloser namenloser Münchner Schwulen zur Zeit des Nationalsozialismus gehört ebenfalls dazu. Daher die abstrakt dargestellte Häftlingskleidung und der rosa Winkel im Gedenken an die stigmatisierende Markierung schwuler Häftlinge.

Anne Dörte: Wie habt ihr gearbeitet? Gab es Vorgaben des Denkmalschutzes?

Michael Gmeiner: Die künstlerische Umsetzung haben wir als Team zu Dritt durchgeführt. Die Vorgabe des Denkmalschutzamtes war, nicht direkt auf die Substanz des Pissoirs zu malen und die Farbgebung an die umliegende Umgebung und das bestehende Klohäusl anzulehnen. Deswegen entschieden wir uns für wetterbeständige und gut bearbeitbare Metallplatten als Trägermaterial. Jede Platte haben wir maßstabsgetreu und passgenau angefertigt, anschließend gestaltet und vor Ort angebracht. Angelehnt an das Dach und die Säulen des Häusls setzten wir dazu verschiedene, passende Grüntöne ein. Da die Personenmotive trotzdem herausstechen sollten, haben wir dafür kontrastreichere Rottöne gewählt. Zum Schluss wurde noch eine transparente Schutzschicht aufgetragen. Im Falle einer mutwilligen Beschädigung durch illegale Sprüherei beispielsweise, ermöglicht diese eine leichte Reinigung.

Anne Dörte: Was passiert künftig mit dem Pissoir: Wird es wieder als Toilettenhäuschen genutzt?

Michael Gmeiner: Nein, das Klohäusl wird nicht wieder als Toilette genutzt werden. Deshalb gab es auch keine Ausgestaltung im Inneren des Pissoirs. Stattdessen ist angedacht, an diesem neuen Gedenkort wechselnde Ausstellungen und auch Events zu veranstalten. Das ist aber alles noch nicht konkret und wird gerade intensiv besprochen.

Es bleibt also spannend.

© Bildmaterial: Michael Gmeiner & Lars von der Warth

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